Innovative Zukunftstechnologien: Technologietrends und Chancen für Unternehmen

Von Fabian Reiß

Prof. Dr. Kölmel
© bwcon Uli Regenscheit

 

Big Data, Blockchain und KI sind innovative Technologien, die bestehende Wertschöpfungsketten bereits nachhaltig verändert haben – aber welche Technologien kommen danach? Prof. Dr. Bernhard Kölmel von der Hochschule Pforzheim und vom Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Stuttgart gibt im Interview einen Einblick zum Erkennen und Nutzen zukünftig entscheidender Technologien.

DIGIHUB Südbaden: Welche Beispiele für neuartige Technologien werden in den nächsten Jahren auf den Markt kommen?

Prof. Dr. Kölmel: Emergente bzw. aufstrebende Technologien sind technische Innovationen, die in einem bestimmten Bereich Neuland betreten. Im Laufe von Jahrhunderten wurden innovative Technologien entwickelt und eröffneten neue Wege für die Umgestaltung des Lebensstils und der Märkte. Die Implementierung einer emergenten Technologie ist mit wirtschaftlichen Risiken verbunden, bietet aber im Erfolgsfall Wettbewerbsvorteile für ein Unternehmen.

Aufkommende Technologien durchlaufen typischerweise die folgenden sequentiellen Phasen:
• Theoretische Basis
• Forschung und Entwicklung / experimentelle Versuchsprojekte
• Lauffähige Demonstratoren
• Kommerzialisierung/Verbreitung

Welche der aufkommenden Technologien die Welt von morgen prägen werden ist allerdings eine Frage, die nur im Kontext des Anwendungsbereichs beantwortet werden kann. Ein Bericht des Weltwirtschaftsforums stellt einige der bahnbrechenden Innovationen dar, von denen radikale Auswirkungen auf die globale Sozial- und Wirtschaftsordnung erwartet werden.

DIGIHUB Südbaden: Wie wirkt sich die Corona-Krise in diesem Kontext aus?

Prof. Dr. Kölmel: Corona ist ein Brandbeschleuniger für technische Entwicklungen, die schon vorher angelegt waren, etwa die Etablierung innovativer Zukunftstechnologien. Man könnte sagen, die Coronakrise ist der Nährboden für eine Beschleunigung der Digitalisierung. Viel mehr Menschen als je zuvor sind nun gezwungen, digitale Technologien auf breiter Basis einzusetzen, und sie haben auch die Chance, sich an diese zu gewöhnen.

Eine Chance für Unternehmen könnte sein, sich auf Innovation und Zukunftsbranchen zu konzentrieren. KMU haben die Möglichkeit, in Sachen Digitalisierung aufzuholen und neue Geschäftsmodelle auszuprobieren. Viele haben zum Beispiel kurzfristig Webshops aufgebaut. Hier gilt es, weiter am Ball zu bleiben. Und ein guter Ansatz ist sicher, die Betriebe durch Forschungs- und Innovationsförderungen in ihrem Bestreben zu unterstützen. Wichtig für die Unternehmen ist es, den richtigen Zeitpunkt für Investitionen und Innovationen zu finden, nicht, dass die Energie ungenutzt verpufft.

 

DIGIHUB Südbaden: Welche Rolle spielt die Unternehmenskultur bei der Einführung neuer Technologien und wie kann diese darauf vorbereitet werden?

Prof. Dr. Kölmel: Die digitale Transformation markiert ein radikales Umdenken darüber, wie ein Unternehmen Technologie, Mitarbeiter und Prozesse einsetzt, um die Unternehmensleistung grundlegend zu verändern. Dazu muss man einen neuen Führungsstil und eine neue Kultur etablieren. Die wichtigsten Dinge, die getan werden müssen, sind eine Vision dessen zu haben, was möglich ist, die Unternehmenskultur so auszurichten, dass man in der Lage ist, sich schnell zu bewegen und diese Möglichkeiten zu nutzen.

Die neue Realität ist, dass das hierarchische Denken in der heutigen Welt nicht mehr funktioniert. Erfolgreiche Führungskräfte schaffen Arbeitskulturen, in denen sich die Mitarbeiter ermutigt fühlen, kleine Probleme mit iterativen Experimenten zu lösen. Die Bereitschaft der Mitarbeiter, zu experimentieren und sich zu verbessern, ist Teil des umfassenderen Phänomens der "bescheidenen Führung". Daneben muss man angemessene Schulung anbieten, damit ihre Mitarbeiter in der Lage sind, Lösungen umzusetzen und gleichzeitig zukunftsorientierte Potenziale zu erkennen.


DIGIHUB Südbaden: Wie kann ich frühzeitig erkennen, welche Technologien für mein Unternehmen wichtig sein werden, und welche Schritte sind dafür notwendig?

Prof. Dr. Kölmel: Dazu ist eine systematische Vorgehensweise sinnvoll. Die Bewertung der Technologiereife mit Hilfe des Technology Readiness Levels (TRL) ist ein systematischer, auf Metriken basierender Prozess, der den Reifegrad und das Risiko kritischer, in der Entwicklung befindlicher Technologien bewertet. Es ist ein allgemein anerkannter Ansatz, um den Reifegrad einer Technologie (z.B. Gerät, Material, Komponente, Prozess usw.) auf einer ganzen Skala zu bewerten - von ihrer Erfindung bis zur Kommerzialisierung und großflächigen Anwendung. Die TRL-Bewertung bestimmt, wie weit eine bestimmte Technologie noch davon entfernt ist, eingesetzt zu werden. Dies wiederum bestimmt den Umfang der Ressourcen - Zeit, Mittel, intellektuelles Potenzial, Einrichtungen usw. -, die erforderlich sind, um diese Technologie im Unternehmen zu verankern.


Der TRL-Ansatz erwies sich als ein nützliches Instrument für:
• das allgemeine Verständnis des Standes der Technik;
• Risikobewertung und -management;
• Entscheidungsfindung in Bezug auf die Technologiefinanzierung;
• Entscheidungsfindung in Bezug auf den Technologietransfer.

Prof. Dr. Bernhard Kölmel lehrt und forscht am Institut für Smart Systems und Services der Hochschule Pforzheim in den Bereichen Global Process Management, Systems-of-Systems-Engineering, Internet of Things and Services, Disruptive Innovationen und Geschäftsmodelle. Er koordiniert zahlreiche nationale und internationale Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Bereich vernetzter Informationssysteme in der Schnittmenge Internet of Services and Things und ist als Gutachter für nationale Ministerien und die Europäische Kommission bzw. das European Institute of Innovation and Technology im Umfeld zukünftiger IKT-Systeme tätig.

Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Stuttgart - digital in BW