Best Practice Sharing

Von Nadja Oback

und Christine Seifermann

klavier

Teil 2: Digitale Gänsehautmomente – Klavierunterricht während Corona
In Übung bleiben, weiterhin Fortschritte machen und auch im Lockdown Glücksmomente beim Musizieren erfahren – dies möchte man als Klavierlehrer seinen Schüler*innen (weiterhin) ermöglichen und natürlich auch die eigene Existenzgrundlage sichern. Aus all diesen Beweggründen bietet Jörg Thunemann nun digitalen Klavierunterricht an. Wie er diese Umstellung gemeistert hat und wie er die digitale Alternative einschätzt, berichtet er uns im Folgenden.

DIGIHUB: Vor welchen Herausforderungen standest du, als die Regierung diverse Richtlinien bezüglich der Corona-Krise verabschiedet hat?

Jörg Thunemann: Die Herausforderung war erstens logistischer Art: In meinem Studio hatte ich keine ausreichende Internetverbindung und weder Flügel noch Klavier konnten ins Homeoffice umziehen sowie auch nur ein Bruchteil der Noten. Auf die Schnelle habe ich unser Wohnzimmer in einen „digital workplace“ verwandelt. Mit iPad, Digitalpiano und Digitalkamera. Und von allen Schülern ihr Einverständnis zum digitalen Unterricht eingeholt. Ganz DSGVO-konform...


DIGIHUB: Welche Video-Tools hast du verglichen, welche Veränderungen gibt es durch den digitalen Raum und wie wird dies von deinen Kunden bzw. Schüler*innen aufgenommen?

Jörg Thunemann: Von der Vielzahl an Tools habe ich insbesondere Skype, Zoom, Viber, Hangouts und FaceTime getestet. Letzteres hat sich als besonders praktikabel erwiesen, da die Apple-Geräte eine vergleichsweise gute Kamera und Audio-Qualität mitbringen. Und mit FaceTime die grundlegende Schwierigkeit der seitenverkehrten Wiedergabe nicht auftritt. Sprich: Man sieht die rechte Hand, obwohl die linke spielt. Auch sind online nie Lehrer, Schüler und die gesamte Klaviertastatur gleichzeitig sichtbar. Beim normalen, analogen „face to face“ denkt man darüber gar nicht nach. Online mit der räumlichen Distanz und der digitalen Zeitverzögerung (von Störungen in der Übertragung mal ganz zu schweigen) merkt man die Riesenumstellung: Klavierunterricht lebt von der direkten Interaktion zwischen Schüler und Lehrer. So kann in Echtzeit korrigiert werden, damit man sich keine falsche Körperhaltung, Fingersätze oder falsche Tonfolgen angewöhnt. Im Gegensatz zu anderen Online-Kursen geht es bei digitalem Klavierunterricht um die Vermittlung einer Kombination vielschichtiger motorischer, kognitiver und emotionaler Zusammenhänge, durch die Musik, also Klang erst möglich wird.

Gemeinsames Musizieren erfordert fein abgestimmtes Aufeinander-Hören. Musik schult so auch die Wahrnehmung der/des Anderen. Dies wird jetzt noch stärker trainiert, denn man muss im digitalen Raum sehr aufmerksam und diszipliniert miteinander umgehen. Dies wird als anstrengend wahrgenommen, aber auch als Bereicherung. Und glücklicherweise lassen sich fast alle auf das Experiment ein und lernen neugierig auf diese neue Weise. Musizieren hat ja auch ein unmittelbar belohnendes Ergebnis: Wenn es passt, klingt es auch schön. So werden Motivation und Konzentration trainiert. Und man freut sich über das wunderbare, selbstgeschaffene Hörerlebnis.

Die Technik ist allerdings nur ein Mittel „zum Zweck". Im Digitalunterricht gibt es viele Störungen, die von der Musik an sich ablenken. Ziel ist ja ein emotional packendes Hör- bzw. Klangerlebnis. Seelenvoll, berührend und natürlich im höchsten Maße lebendig. Da stößt man im Digitalen an Grenzen. So ahmt ein E-Piano ein akustisches Klavier nur nach. Ihm fehlt ein wesentlicher Bestandteil des Klaviers – die Saiten. Die Saiten reagieren je nach Spielweise ganz unterschiedlich und verleihen der Musik ihre pulsierende Lebendigkeit. Daher fehlt dem E-Piano die Lebendigkeit im Klangbild, was E-Piano-Hersteller mit Physical Modeling und Effekten ausgleichen. Das ist ein bisschen wie eine echte Blume und eine Kunstblume. Beide können schön wirken, sinnlicher ist die echte. Doch im Sinne von „stay home“ freuen sich glücklicherweise auch meine Schüler und Schülerinnen im Augenblick an der etwas artifiziellen Lösung.


DIGIHUB: Wie geht es nach der Krise weiter mit deinen Online-Kursen bzw. inwiefern wirst du dich digital aufstellen/erweitern?

Jörg Thunemann: Für mich ist das digitale Unterrichten eine spannende Erfahrung. Es verlangt von allen Beteiligten ein Höchstmaß an Konzentration. Dafür haben die Schüler durchaus einen enormen Lerngewinn und kommen schneller zu Selbstständigkeit und Fokussierung. Digitaler Unterricht gibt Groß und Klein die Möglichkeit, die Zeit jetzt vielleicht besonders intensiv für die Beschäftigung mit Musik zu nutzen. Musik kann ja ein Kontrapunkt sein zu „medialer Überflutung".
Musizieren ist eine wunderbare Möglichkeit, mal vom aktuellen Geschehen abzuschalten und aus der Musik Kraft zu schöpfen. Außerdem mobilisiert Musizieren das Gehirn, fördert die Konzentration und produziert Glückshormone, was ja die Immunkräfte stärkt.

Sicher wird das Digitale den direkten, ganz persönlichen Austausch nicht ersetzen, aber es kann ihn durchaus erweitern. Als Pianist fasziniert mich die Tiefe und Fülle des analogen Klangs. Aber ich stelle fest, dass im Notfall auch ein gutes E-Piano ausreicht, um am Klavierspielen Freude zu haben. Und Digitalpianos haben jede Menge nützlicher Tools, die sicher auch weiterhin zum Einsatz kommen, wie ein digitales Metronom, Lernhilfen und Aufnahmefunktion, um das Üben effektiver und abwechslungsreicher zu gestalten.

Wer Jörg Thunemann beim Klavierspielen lauschen möchte, kann dies auch gerne auf seinem Youtube-Channel tun. Eine absolute Empfehung von uns!